Künstliche Intelligenz – nutzenbringende Automaten, keine Zerstörung des Humanismus


Ein Artikel unseres Geschäftsführers J. Landgrebe über die wahren Auswirkungen Künstlicher Intelligenz, erschienen in der Oktoberausgabe 2017 des Schweizer Monat.

+++ Künstliche Intelligenz (KI) ist derzeit in aller Munde - entweder durch KI-Forscher und -Anwender wie Ray Kurzweil als Werkzeug zum Vollzug der Unsterblichkeit durch Abbildung des menschlichen Bewußtseins in der Maschine vergöttlicht oder von Kritikern wie Eric Sadin als radikaler Antihumanismus verteufelt. Eine realistische Einschätzung der KI hingegen findet man selten. Dabei ist die entscheidende Frage, was KI-Automaten eigentlich leisten können.

Die Sicht der Kritiker

Es lassen sich derzeit verschiedene Bewertungsmuster unterscheiden: da sind (i) zunächst die geisteswissenschaftlichen Radikalkritiker wie Sadin. Er und seinesgleichen gehen davon aus, dass Maschinen selbstlernend und vor allem mit Entscheidungsfähigkeit und Urteilskraft versehen sind. Daraus werden bedrohlich wirkende Thesen abgeleitet, etwa Lebensbereiche würden durch KI „kolonisiert“, die condition humaine werde entwürdigt oder es ergäbe sich eine Zerstörung des Humanismus. Dann gibt es (ii) Geisteswissenschaftler, die mildere Kritik üben, indem sie etwa den „dataism“ der KI- und Big-Data-Anbieter angreifen. Der „dataism“ fasse alles und jedes Ereignis der Welt als Datenphänomen auf, dass sich mathematisch mit KI verarbeiten ließe. Sie fürchten um die Freiheit des Willens, weil KI-Systeme Menschen Vorschläge für einige Lebensbereiche machen (und für viele weitere in naher Zukunft machen werden) und damit die Rolle klassischer Institutionen wie der Kirche oder Staatsfernsehen übernehmen könnten. Ein drittes Lager (iii) ist nicht so sehr kritisch, behauptet aber, wie etwa Jürgen Schmidhuber, der Erfinder des heutigen KI-Standardwerkzeugs (tiefe Neuronale Netze), KI sei in der Lage, sich eigene Ziele zu setzen und kreativ zu agieren. Bei den ersten beiden Varianten sind sowohl die Voraussetzungen als auch die Schlussfolgerungen unsinnig, bei der dritten Variante (Schmidhuber et al.) handelt es sich eher um ein Problem der philosophisch plausiblen Definition von Bewußtsein und Willen. Zunächst muss festgestellt werden, dass KI in erster Linie ein Werkzeug zur Imitation menschlichen Handelns oder zur Erzeugung eines erwünschten, synthetischen Verhaltens in spielartigen Szenarien ist. Alle KI-Algorithmen, über die wir heute verfügen, erzeugen mathematische Funktionen, die einen letztlich vom Menschen festgelegten Satz von Variablen als Eingabeparametern (Input) nehmen und einen erwünschten Output ausgeben. Dieser Output wird entweder von menschlichen Verhaltensergebnissen kopiert – das nennt man „supervised learning“ wie etwa beim Email-Spam-Filter oder beim autonomen Fahren. Oder der Output wird in spielartigen Situationen erzeugt, bei denen ein Punkte-Belohnungs-System vorgegeben wird, in dessen Rahmen Maschinen Aufgaben ohne menschliches Vorbild mit der Zeit immer besser zu lösen lernen: dies nennt man „reinforcement learning“ wie beim Go-KI-Spielautomaten der Firma Deep Mind. In der Praxis ist dies etwa beim Aufräumen eines havarierten Atomkraftwerks durch Roboter einsetzbar, weil man dort Belohnungspunkte für das Beseitigen von Radioaktivität vergeben kann. In solchen Szenarien finden die Algorithmen in dem engen Rahmen, der ihnen von ihren Schöpfern mathematisch vorgegeben werden, eigene Optima, die durchaus zielführender sein können als menschliche Lösungen. Doch selbst wenn bei diesen beiden KI-Technologien Maschinen besser und schneller funktionieren als Menschen, entsteht so weder aristotelische Entelechie, Hegelsches Selbstbewusstsein oder freier Wille im Sinne Kants: die Algorithmen können niemals Absichten hegen oder sich eigene Ziele setzen. KI-Wissenschaftler, die dies behaupten, sind sich über die Semantik und Hermeneutik dieser Begriffe nicht im Klaren, sie verwechseln automatische Optimierung mathematischer Funktionale mit menschlicher Willensbildung. KI im heutigen Sinne ist weder zur eigenen Urteilsbildung noch zur eigenen Entscheidung befähigt. Mit anderen Worte: Das Verhalten von KI-Systemen wird durch Menschen semantisch kontextualisiert und vorgegeben. KI-Algorithmen sind ausschließlich dazu in der Lege, repetitive, mathematisch als Funktion abbildbare Prozesse zu imitieren oder als Spiel formulierbare Probleme zu lösen - und so zu automatisieren. Menschliche Willensbildung ist jedoch erratisch und nicht mathematisch modellierbar.

Und was hat es mit dem von Kritikern beschriebenen „dataism“ auf sich? Dies ist offensichtlich lediglich eine neue, wenig überzeugende Variante des altbekannten angelsächsischen utilitaristischen Empirismus, der noch nie dazu in der Lage war, Aufgaben der Wissenschaft jenseits naturwissenschaftlich-technischer Naturbeherrschung zu bewältigen: nämlich Sinngebung und Situierung des Geisteswesens Menschen in seinem natürlichen und mitmenschlichen Kontext. Diese Aufgaben sind dem „data mining“ durch KI vollkommen unzugänglich und bleiben Kernaufgaben der nicht mathematisierbaren Künste, Geisteswissenschaften und der Religion.

Eine realistische Einschätzung

Wenden wir uns nun aber einer realistischen Sicht des Themas KI zu. Gerade am Beispiel der neuen autointeraktiven Medien auch „digitale Assistenten“ (wie Alexa von Amazon) genannt, die allesamt mit KI funktionieren, und laut Kritikern den freien Willen aufheben, lässt sich zeigen, dass der keineswegs verloren geht. Diese KI-Medien zeichnen sich dadurch aus, dass sie, anders als klassische Medien, nicht unidirektional auf das Bewusstsein wirken wie Bilder, Musik, Theater, Filme, Bücher, Zeitungsartikel oder eine Rede, sondern dialogisch mit dem Menschen interagieren. Wie wirken diese Medien? Entwürdigen Sie das Menschsein? Rauben sie die Freiheit? Klassische Medien wirken, indem sie unidirektional Bewusstseinsinhalte vorschlagen, die die meisten erwachsenen Individuen durch Dialog mit anderen Menschen bestätigen, damit sich die Inhalte verfestigen und zur eigenen Meinung reifen oder Entscheidungen mitbestimmen (Martin Buber). Autointeraktive Medien reagieren anders als klassische Medien zwar auf menschliches Verhalten, geben in Abhängigkeit davon Kontaktempfehlungen, Kaufvorschläge und andere Handlungsempfehlungen. Diese meist kommerziellen Empfehlungen werden mit Hilfe von KI-Algorithmen aus ähnlichen von der Maschine beobachteten Situationen durch maschinelles Lernen abgeleitet und sind deswegen in der Regel deutlich besser auf die Situation des Individuums zugeschnitten als ohne KI generierte Vorschläge oder Werbung. Wie stark sich ein Individuum davon beeinflussen lässt, hängt von Bildungsstand und Eigenständigkeit ab – ähnlich wie bei klassischen Bewusstseinsindustrien (z.B. Ablasshandel, Fernsehen). Die Wirkung ist also derer der alten Medien sehr ähnlich. Mit Hilfe autointeraktiver Medien geben deren Macher Inhalte vor, doch der einzelne Mensch entscheidet, ob er sie nutzen will oder nicht. Trotzdem haben autointeraktive Medien in der Breite eine statistisch nachweisbare Wirkung, weil eben einige Individuen wie gewünscht reagieren. Wie bei klassischer Bewusstseinsindustrie werden Menschen mit wenig Eigensinn sich von der KI lenken lassen: Lemminge gab es immer. Deshalb von einer „Kolonisierung“ der Bewusstseinsinhalte, einer Entwürdigung des Menschen oder einem Verlust der Freiheit kann nur sprechen, wer die philosophische Tradition, in der wir stehen, ausblendet. Vielmehr sind die autointeraktiven Medien aufgrund der erratischen Natur der menschlichen Willensbildung gar nicht der attraktivste Bereich zum Einsatz von KI – sie sind derzeit nur im Fokus öffentlicher Debatten, weil diese KI-Anwendung sich von Laien allgemein beobachten lässt und populäre Anbieter sie einsetzen. In der wirtschaftlichen Realität wird KI aber dort am besten genutzt, wo repetitive Tätigkeiten noch von Menschen ausgeführt werden. So werden in den nächste 20 Jahren Logistik, Transport, industrielle Produktionsprozesse, einfache geistige Büroarbeiten sowie die repetitiven Anteile der bürgerlichen und die militärische und geheimdienstliche Lageerfassung weitgehend automatisiert. Dabei geht es um den Ersatz der menschlichen Tätigkeit durch Maschinen. Menschen werden in diesen Bereichen die Maschinen nur noch trainieren und überwachen. Im Wesentlichen aber ist der Einsatz von KI daher eine weitere Ausdehnung der industriellen Revolution auf komplexe manuelle und geistige Tätigkeiten. Dadurch werden in den OECD-Staaten in den nächsten 20 Jahren etwa 180-360 Millionen (ca. 25-50%) der klassischen Arbeitsplätze wegrationalisiert. Das und nicht die „Zerstörung des Humanismus“ ist das eigentliche durch KI bewirkte Problem: wie soll unsere Gesellschaft diesen massiven Wandel der Arbeitswelt, diese schöpferische Zerstörung kompensieren? Kurz gesagt wird der Einsatz von KI trotz alternder Bevölkerung einen massiven Wohlstandszuwachs erzeugen, dadurch werden neuen Bedürfnisse entstehen und Befriedigung am Markt suchen - dies wird zahlreiche neue Arbeitsplätze schaffen. Diese neuen Arbeitsplätze werden willensgebundene Fähigkeiten des Menschen nutzen, die nicht mit Algorithmen emuliert werden können: Urteilskraft, moralisches Denken, Empathie, Dialogfähigkeit und Kommunikation, beispielsweise in Lehre, Pflege und anderen Zuwendungsberufen, aber auch bei anderen Dienstleistungen. Hier gibt es in unseren Wohlstandsgesellschaften einen riesigen Bedarf, der heute nicht gedeckt wird, weil uns die Ressourcen fehlen. Durch KI werden diese Ressourcen freigesetzt und verfügbar gemacht. Die große Herausforderung besteht in der Gestaltung des Übergangs – Menschen, die heute repetitive Tätigkeiten ausführen, müssen lernen, ihre willensgebundenen Fähigkeiten, die sie heute nur im Privatleben nutzen, auch beruflich einzusetzen. Es ist eine willkommene Gelegenheit für den Staat, sich wieder auf seine Kernkompetenzen zu konzentrieren: Infrastruktur, Sicherheit und vor allem Bildung, anstatt Verhinderung von Innovation durch Subventionierung veralteter Technologien und Überregulation oder gar Verbot des Neuen, um das Alte zu schützen.

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